Bei den Treveri (Mosel-Kelten)
Mai 2010
"Seid Ihr Nerother ...??"
Tief liegende Wolken schleifen über den Kammrücken dahin. Nach Regen schmeckender Dunst erfüllt die Täler von Hunsrück und Hochwald - und die trübe Sicht macht Frösteln. Das Thermometer fällt stetig und mit grimmem Blick schließen sich fünf Eisheilige unserer kleinen Fahrtengruppe an. Ihre beißende Kälte wird uns die kommenden Tage ungebetene Begleitung sein. Keine angenehme Reisebekanntschaft….. Mamertus. 11. Mai - Bevor kalter Regen das Land einhüllt, wollen wir einen Großteil der Tagesstrecke hinter uns bringen. Und stiefeln zügig durch Gusenburg, ein ehemaliges Nagelschmiede- Dorf. Bis 1950 war hier die Herstellung von Nägeln Haupterwerbsquelle.
An der Kapelle von Grenderich, einem untergegangenen Dorf, das entweder durch Pest oder marodierende Soldaten des 30jährigen Krieges ausgelöscht wurde, machten wir kurze Mittagsrast. Bis 1770 wurde das zerfallende Gebäude noch zu Gottesdiensten genutzt, danach nistete sich der Einsiedler Anton Becker in dem Gemäuer ein. Auf eigene Faust, Geldmittel aus Trier erhielt er keine, errichtete er 1781 das heutige Kapellengebäude. Dann zügig hinunter nach Grimburg. An der Dorfkirche mit seinem auffallendem Brunnen vorbei, rüber zur Bergnase, auf welcher die gleichnamige Burgruine thront. Das Lärmen einer ausgelassenen Schulklasse empfängt uns.
Hinunter in das Tal. Am Grimburgerhof überschreiten wir die Landesgrenze zum Saarland hin. Ein Übergang über den Bach muss gefunden werden. Danach lässt uns die Wegemarkierung im Stich. Vorgenommene Veränderungen irritieren, stimmen mit dem Karteneintrag nicht mehr überein. Jetzt legt sich auch noch Regen über das Land. Mit dem Kompass erörtern wir mögliche Pfade, legen uns auf einen fest, der steil hinaufführt und dem alten Verlauf entsprechen könnte. Der Pfad wird zum Dickicht und der Geruch verrät den Gebietsanspruch wilder Schweine. Schweißtriefend treffen wir irgendwo auf einen hochgelegenen Forstweg. Wieder muß der Kompass befragt werden. Neue Entscheidung. Wir sind bereits vom Regen durchnäßt, als wir eine Bergalm finden, eine der wenigen im Saarland.
Eine urige Holzhütte nimmt uns auf. Und neugierig mustern uns die wenigen Gäste, als wir polternd unsere regennassen Rucksäcke und Sachen ablegen. Ehemalige Waldarbeiter und Menschen aus dem Dorf Wadrill. Wir bestellen Bier und warten hungrig auf die Bratkartoffeln. Die Klampfe wird von der Wand geholt, und fünf, sechs bündische Lieder gesungen. Man kommt ins Gespräch. Eintrag ins Gästebuch: "Viatores sumus, quod patres nostres margine viae sepulti sunt". Es hat aufgehört zu Regnen und wir streben eine kleine Fischerhütte im Walde an. Unter dem Vordach haben wir gerade Platz. Und die Tür eines offenen Holzschuppens zeigt uns, wo trockenes Buchenholz lagert. Wir kochen griechischen Kaffee, dann unseren Hirteneintopf. Rotwein vor dem Schlafengehen.
Pankratius. 12. Mai - Biber verlässt als erster den Schlafsack. Entfacht das Feuer erneut und wir bereiten den Tee. Kleines Frühstück im Stehen. Knäckebrot und Hartkäse. Danach zur Eichenlaubstraße und über die Dörfer nach Oberlöstern. Die Rekonstruktion einer gallorömischen Grablege lässt uns mit der keltischen Vergangenheit Verbindung aufnehmen. Im Ort Kastel hat kein Geschäft geöffnet. Es ist Mittwoch. Mit dem Wein werden wir haushalten müssen. Bei Braunhausen muss zum Tagesabschluß noch ein alpines Steilstück erklommen werden. Langsam geht uns die Puste aus. Ein Gasthaus droben belohnt uns mit Weizenbier, bevor wir wieder los müssen. Eine Hütte finden wir nicht, sie ist abgerissen. In einem Waldstück entdecken wir eine kleine Lichtung. Dort schlagen wir unser Kohtenbiwak aus 2 Planen auf. Kochen und 2 Tassen vom Roten. Wir sind ziemlich müde.
Servatius. 13 Mai - Vor Bosen zweigen wir ab, an den Albwiesen entlang und durch den Wald zur Nahequelle. Hier wird ein Streichelzoo gebaut. Naturerlebnis nach gärtnerischem Gestaltungswillen. Gezwungener Bachverlauf. Die Quelle sprudelt aus einem behauenen Steinblock. Fließt die Kanten herunter. Nicht mal Wasser für unsere Feldflaschen kann man abschöpfen. An der Hütte schnäpseln frustrierte Wanderer: der Vatertagstrubel wurde wegen Schlechtwetter abgeblasen. In der Selbacher Dorfkneipe lassen wir uns Radler und Weizen schmecken. Ein paar Pommes. Und bekommen Wasser für unsere Feldflaschen. Wieder in den Wald. Unterwegs treffen wir Jugendliche mit Leiterwagen und Bier. Sie haben sicherlich auch härtere Sachen dabei. Knapp 14jährige - sichtlich betrunken.
Weiter zur Wildefrau-Höhle. Zu klein für eine Bleibe. Wir spekulieren auf die nahe gelegene Valentinskapelle. Doch dort wird Rosenkranz gebetet. Und nachts wird wahrscheinlich abgeschlossen. Hinter dem Friedhof eine riesige Grillanlage. Fast schon ein Wild-West-Fort. Gemütlicher ein nahe gelegenes Rondell. Fussel und ich schauen uns nochmals die Kapelle an. Der Rosenkranz ist beendet. Drinnen sitzt ein alter Mann, spielt auf einer Mundharmonika Marienlieder. Hinter dem Kirchlein eine gefasste Quelle mit dem Namen der "Gute Brunnen". Mädchen, welche Wasser schöpften, und dabei einen bestimmten Stein berührten, sollten gewiss einen Mann abbekommen. Überlieferte ‚Motivationshilfen', um pubertierenden Gören unliebsame Tagesgeschäfte schmackhaft zu machen. Überlieferungen in weiblicher Linie.
An das Rondell zurückgekehrt, sammeln wir Feuerholz, und legen uns vor Kälte fröstelnd in die Schlafsäcke. Zum Kochen kommen wir nicht mehr: Es ist erst 18:00 Uhr und wir wachen anderntags wieder auf. Bonifatius. 14. Mai - Hinter der Kapelle wird im Steinbruch Schotter abgebaut. Wahrscheinlich der Grund dafür, dass der "Gute Brunnen" nur noch milchig trübes Wasser liefert. Lastenkipper donnern dem Steinbruch entgegen und wir sind froh, wieder in den Wald huschen zu dürfen. Am Bostalsee langweilt uns ein geteerter Panoramaweg und wir treiben unsere Späße mit Joggern und Stöckchenläufern. "Seid ihr Nerother?" fragt uns ein Herr in unserem Alter. Nö - aber Bündische schon.
In Eckelhausen besuchen wir die Dorfkneipe. Soviel Zeit muss sein. Der Wirt leidet spürbar unter den Folgen des Vatertages. Bei der Witterung hat sein Laden bestimmt gebrummt. Hier erfahren wir auch, dass man in Sötern einkaufen kann. Schön, dass dieses Dorf auf unserem Weg liegt. Wir kaufen Rotwein ein. Danach noch etliche Kilometer nach Achtelsbach. Dort gibt es ein Pfadfinderheim vom Mainzer BdP, teilt uns ein Bauarbeiter mit. Aber davon wollen wir nix wissen. Kneipen, wo man sich mal aufwärmen könnte, gibt es auch keine. Oder haben geschlossen. So stapfen wir wieder in den Wald, einer Fischerhütte entgegen. Heute wird wieder ausgiebig gekocht. Und mit dem Wein braucht man auch nicht mehr zu geizen.
Sophie. 15 Mai - Karges Frühstück im Stehen. Achtelsbach - Brücken - Abentheuer. Wir brauchen frisches Wasser. Zufällig hören wir Stimmen aus einer Kneipe. Die Wirtin verabschiedet einen älteren Herrn. Und wir fragen, ob denn hier geöffnet wäre. "Ja wenn Sie wollen, dann mach ich auf!". Ein bisschen Wärme tanken, das wäre nicht schlecht. Den Flüssigkeitshaushalt auffüllen und die Feldflaschen. "Seid ihr Nerother?" kommt von der Wirtin die Frage. Nö, aber die scheinen ja öfters hier in der Gegend zu sein, kontere ich. Offensichtlich auch in dieser Kneipe. Woher denn der Name des Dorfes käme? Vielleicht von der ‚Abend-Heuer', welche der Tagelöhner erhielt. Im Wald hätte es früher viele Köhlerei-betriebe gegeben. Nix Genaues weiß man nicht.
Doch bald müssen wir wieder fort. Steil geht es zum Krummkehrfelsen hoch. Nach einem Umweg über das Forsthaus Neuhof finden wir tatsächlich noch den Tirolerstein. Das Steinkreuz erinnert an eine ungeklärte, grausige Bluttat im Januar des Jahres 1741. Der Tiroler Händler Thomas, unterwegs mit wohlfeiler Ware aus Holzlöffeln und anderem Hausrat, musste wegen grimmiger Kälte und Schnee seine Wanderung für einige Tage unterbrechen und in einer Abentheuer Gaststätte übernachten. Dort arbeitete auch der ehemalige Knecht des Försters. Möglich, dass er von den Tageseinnahmen des Händler Wind abbekommen hatte. Jedenfalls verschwand der Knecht am gleichen Tag, als auch der Händler seinen Weg nach Züsch über die verschneiten Dollberge aufnahm. Anderntags fanden Holzfäller nahe der preußischen Grenze Kampfesspuren und eine Leiche im Straßengraben. Denkbar, dass der Mörder ins Preußische geflüchtet sei. Der Mord konnte nie aufgeklärt werden.
Wir verlassen den düsteren Ort und laufen auf dem windzerzausten Höhenrücken zum ‚Hunnenring' rüber, eine gigantische keltische Wallanlage. Noch nie haben wir etwas von diesem Ausmaß gesehen. Wir streifen durch die Anlage, untersuchen die erkennbaren Torwerke und finden sogar die Quelle der Befestigung. Ein dicker Strahl sprudelt daraus hervor. In der Mitte des Oppidums findet sich eine gemauerte Hütte. In ihr regieren Eiseskälte und Dunkelheit. Hier muss die Behausung der ‚Kalten Sophie' stehen. Fröstelnd ziehen wir ein, legen unsere Schlaffelle auf den Boden. Gänsehaut bei dem Gedanken, von der kalten Dame nächtens in den Arm genommen zu werden ….
Wir sammeln Feuerholz, bauen mit Steinen einen kleinen Ofen. Fürs Erste heißen, griechischen Kaffee, dann bereiten wir unseren Hirteneintopf mit Grünkern vor. Diesmal reichhaltig Pfeffer, um innere Wärme hervorzuholen. Die Nacht wird sternenklar. Mit Liedern versuchen wir der Kälte zu trotzen. Helfen mit Rotwein nach. Nach Mitternacht legen wir uns in die Eishütte zum Schlafen. 16. Mai - Sonnenschein am Morgen. Offiziell haben wir alle Eisheilige abgearbeitet. Aber es ist immer noch kalt. Wir marschieren die restlichen Kilometer runter zur Nonnweiler Talsperre, überqueren die Staumauer und stapfen durch den Hochwald nach Hermeskeil. Ob das Auto am Bahnhof noch steht, oder selbst Teil der Baustelle wurde, welche in Vorbereitung stand …?
Viatores sumus, quod patres nostres margine viae sepulti sunt.
 
 
 
 
 
 
 
Feuerspruch BuLa 2010, Viersen:
Dem Keltengolde geraubt, der kalten Sophie entrissen, von beschwerlicher Fahrt nach Hause gebracht, überreichen wir dies Holz, aus dem Stammesgebiet der Treverer, dem Fahrtenfeuer!
Free counter and web stats