6. Streich
Einbruch in die Bäckerei

Eine Original-Bäckerei aus dem vorletzten Jahrhundert aufzutreiben, ist angesichts der hierzulande Gottlob vorherrschenden Hygieneverordnungen unmöglich. Wir hätten zwar das Angebot gehabt, in einer kachelbeklebten modernen Bäckerei unser Vorhaben umzusetzen, aber angesichts der Sauerei, welche wir vorhatten, war es besser Abstand davon zu halten. Kurz und gut: im Keller des alten Fachwerkhauses mußten wir eine komplette Bäckerei installieren. Der Bastelaufwand dazu war enorm. Aus Dachlattenkonstruktionen, Karton, Tapeten mit Holz- und Ziegelstruktur sowie reichlich Farbe, begannen wir Kaminabzüge, Mehlkisten, Teigtröge und einen kompletten Eck-Ofen mit Schiebevorrichtung zu bauen. Eine Infrarot-Lampe, gekoppelt mit einem Neonröhren-Starter ersetzte das flackernde Feuer. Die Teile sahen schließlich so echt aus, daß alle unsere Erwartungen bei weitem übertroffen wurden. Ein hölzernes Regal mit überdimensionalen Bretzeln, wie sie in keinem Geschäft zu kaufen sind, waren das Ziel der Begierde. Die Bretzeln stellten ein weiteres Problem dar: Sie sollten nicht aus Pappmaché sein, sondern aus echtem Teig hergestellt und knusprig aufgebacken sein. Leider passt keine Brezel unserer Vorstellung in einen üblichen Haushaltsofen. Doch wozu hat man denn Beziehungen? Die Brezeln wurden auf Abruf als Sonderaktion in einem professionellen Bäckerofen hergestellt.

Laut Wilhelm Busch steigen M&M Ostersonntags durch den Kamin in die Produktionsstätte der Bäckerei ein und fallen mit Getöse in die Mehlkiste. Für uns eine darstellerische Herausforderung. Auch wenn der Regisseur die beiden Burschen gerne durch den Kamin gejagt hätte, allein der enge Rohrdurchmesser machte alle Träume zunichte. M&M mußten also schon vorher in der Kiste liegen. Per Druckluft wurde zerriebene Holzkohle und Mehl durch den Kamin geschossen. Es rumpelte in der Kiste und Max und Moritz entstiegen eingeschwärzt und mit Mehl überpudert dem Auffangbehälter. Man hätte sich vor den Beiden gruseln können, deren Gesichtsbemahlung eine gewisse Änlichkeit mit Eingeborenen aus Papua-Neuguinea hatte. Schnell waren die Bretzeln entdeckt, ein Stuhl steht auch bereit, aber mit der ersten Beute im Maul kippt der Stuhl und beide stürzen in den Teigtrog. Dieser war liebevoll aus einem großen Karton, ausgeschlagen und abgedichtet mit Folie, dessen Außenseite in Holzmaserung tapeziert wurde, hergestellt worden. Um den Sturz zu federn, legten wir alte Matratzen unter. Als Füllung rührten wir mit einem Zementquirl Wasser und Kleie zusammen (Anmerk.: Geschenk vom Müller und Beutesäcke aus dem verlassenen Zirkuswinterquatier), insgesamt etwa 300 Liter (wir haben's ausgerechnet!). Ob des Lärmes kommt der Bäcker vorbei, eine wüste Schlammschlacht beginnt, in der er aber die Oberhand behält. Das Ende dieses Abschnittes ist ja bekannt: der Versuch M&M als Braten im Brotteig-Mantel ins Jenseits zu befördern schlägt Fehl. Die Beiden knappern sich durch den lebensgroßen Pappmache-auf-Drahtgitter-Mantel und der Bäcker hat sein Nachsehen.

Anmerk: Nie und nimmer würden wir etwas bei so einem Bäcker kaufen, der sich zudem Videosequenz um Videosequenz zum wahren "Schmierenbäcker" entwickelte. Ständiges Gerotze auf den Boden, in den Brötchenteig und dabei unartige Wünsche murmelnd:

"Heute back' ich – morgen brau' ich;
übermorgen mach ich der Königin ein Kind;
ach wie gut daß niemand weis – daß ich der Bäcker von Bretzingen bin!"

Backstube
Teig-Trog
Max & Moritz
Max & Moritz
Papua-Neu-Guinea