Das Müllerthal bei Echternach
Fahrtenbericht 2005
der Alt-Rover aus der Luxemburger Schweiz
Halber Mond und sternenklare Nacht! Wir schnüren unsere Rucksäcke und steigen schweigsam hinab in das Dunkel der Schlucht. Dort am Grunde zieht es uns hinauf, dem silbern glänzenden Bachlauf folgend Richtung "Houllay" - Hohler Fels, ein einst von den Römern unterhaltener Steinbruch zur Gewinnung von Mühlensteinen. Immer wieder müssen wir im Dunkel den Bachlauf queren; kleine Holzstege oder merkwürdig bemooste Baumleichen. Skurril anmutende Felsformationen begleiten zyklopengleich unseren Anstieg. Ein Käuzchen verfolgt uns mit seinem Ruf...
Wir erreichen die "Houllay". Wie ein großes Maul öffnet sich im Mondschein dieser ausgehöhlte Berg, wenn man aus dem tiefen Talgrunde hinaufsteigt. Feucht und modrig riecht sein Inneres - und es riecht nach Wild. Vor wenigen Wochen muss draußen noch Schnee gelegen haben und wahrscheinlich haben sich nächtens Rehwild oder Mufflon hierhin zurückgezogen. Mit unseren Lampen untersuchen wir das Höhleninnere: An allen Wänden und an den Decken sind noch eindeutige Bearbeitungsspuren zu erkennen. Unfertige oder misslungene Mühlensteine hängen an den Wänden oder an der Decke; als würden sie morgen auf ihre Bearbeiter warten. Der riesige Raum wird in der Mitte durch einen steinernen "Elefantenfuß" abgestützt.
Wir wollen in der Nacht Sterne und den Mond sehen können und beziehen unser Lager draußen unter einem Überhang. Von weit her und entlang eines gefährlichen Abgrundes schleifen wir das Feuerholz. Bald lodert die Flamme und beleuchtet das halbrunde Felsszenario warmlichtig. Nochmals hinabsteigend schöpfe ich Wasser aus dem Schluchtenbach. Wir wollen unsere erste Luxemburgfahrt mit einem Tschai beginnen, einem Tschai so leicht und würzig wie zu Anbeginn seiner Entstehung.
Das scheppernde Geräusch dreier Spechte, welche über uns arbeiten, weckt uns auf. Es ist noch früh, doch das frühlingshafte Toben der Waldvögel lässt keinen Augenblick an ein Weiterschlummern denken. Wir kriechen aus den Schlafsäcken und machen uns kamerabewehrt auf die Pirsch.
Wir verlassen die Waldschlucht indem wir den "Schipka-Pass" passieren, wie uns ein Schild weiß machen will. Was hat diese Felsenenge gemein mit dem gleichnamigen Pass zwischen Bulgarien und Rumänien? Kein Duft nach Rosenöl gibt uns Erklärung oder waren etwa schweizer Eisenbahnfreunde hier am Werk? Wir ziehen über die Hochebene nach Berdorf hin. Der Ort geht zurück auf einen römischen Gutshof mit dem Namen "Beronis villa". Überbleibsel dieses herrschaftlichen Hofes ist ein römische Viergötterstein, der heute als Altarsockel der Dorfkirche von Berdorf seinen Dienst erfüllt
Nach einem knappen Frühstück am Waldesrand geht es hinunter zum "Sieweschlöff", einem siebenfach durchklüfteten Felsgebilde, kaum mannesbreit doch mit einigen Mühen passierbar. Durch winterlich lichte Buchenwälder mit verstreuten immergrünen Stechpalmen (Ilex ilex), dem Wahrzeichen der Region, marschieren wir mehrere Kilometer an steilen und bizarren Felslandschaften vorbei. Auf den kleinen, zerrissenen Plateaus fänden sich Relikte eiszeitlicher Pflanzen, wenn es nur Sommer wäre.
Überrascht bleiben wir stehen, als unser Weg an einem Felsentor endet. Der Erste kriecht hinein, auf allen Vieren muss eine Engstelle durchkrochen werden; die Rucksäcke werden nachgereicht, durchgeschoben, bis alle im Innern verschwunden sind. Eine Eisenleiter zeigt den Weg in schwindelnde Höhe: wir befinden uns in der Reiberhöhl (Räuberhöhle).
Es ist später Nachmittag: wir marschieren das Müllerthal flussaufwärts und in Höhe des "Schiessentümpels", dreier Kaskaden, welche zur Erfrischung einladen, biegen wir ab zur "Eulenburg". Weil es nun steil aufwärts geht, eine kleine Schinderei. Das Gelände hat Treppencharakter - unsere Haarwurzeln werden feucht.
An der Eulenburg empfängt uns eine prähistorisch anmutende Kulisse; eine Landschaft, welche an "Herr der Ringe" erinnert. Schmale Treppchenwege, kaum breiter als ein Rucksack führen in den Fels hinein. Voller Erwartung betreten wir das Reich der Geister und Dämonen. Zu Stein gewordene Götzenbilder schauen auf uns herab, wohl abwägend, ob man die Eindringlinge mit einem gezielten Wurf zur Strecke bringen soll ...
Wenige Kilometer weiter erreichen wir das Felsgebilde "Goldfralay". Auch hier müssen wir ein dunkles Felsentor passieren. Im Inneren tasten wir uns rechts abzweigend voran, dem hellen Ausgang zu, wo uns ein kleines Plateau erwartet. Dort werden wir übernachten. Hart an der Felswand und in geschützter Lage werden wir unsere Kohtenplanen in Form einer "Lokomotive" und einer "Kröte" aufstellen. Trockenes Feuerholz und Holz für die Zeltstangen und Heringe sind schnell gesucht und zurechtgeschnitten. Wir sputen uns: es wird schnell dunkel! Um gegen Waldbrand vorzubeugen werden Sicherungsmaßnahmen getroffen: Das Laub wird zur Seite geschoben und die Erde aufgekratzt. Ein paar Steine verhindern, dass das Feuer seinen Platz verlässt; außerdem sollen sie den mitgebrachten kleinen Rost aufnehmen.
Bald lodert die erste Flamme. Sobald genügend Glut vorhanden ist, werden die Steaks aus dem Rucksack geholt. Noch lange sitzen wir um die Feuerstelle herum - es ist spürbar kälter als am Vorabend. Gegen Mitternacht kriechen wir unter unsere Kohtenbahnen. Etwas weckt mich! Es sind nicht die Vögel, welche draußen jubilieren, sondern ein grinsendes Gesicht über mir. Fussel hat sich aus der hintersten Ecke der "Lokomotive" nach vorne geschoben, um den Ausgang zu erreichen. Nun ja, es geht halt eng zu. Ich halte es auch nicht länger aus und folge ihm. Es ist immer wieder wunderbar, den Wald zu durchstreifen, wenn er erwacht.
Nach dem Frühstück ziehen wir weiter zu den Felsen "Dewenpetz" und "Kohlscheuer". Die Durchgänge hier sind noch enger als in den Felsgebilden zuvor: nichts für klaustrophobisch Veranlagte. Man muss stellenweise schon gehörig den Bauch einziehen um durchzukommen, Rücksäcke sollten vertikal gepackt sein, nichts Überstehendes enthalten. Die Gänge sind absolut dunkel und bergen so manche Überraschung in sich, wie unvermutete Knicke und Treppchen. Lange Efeu-Lianen hängen über den Felsen und merkwürdig urzeitlich anmutende Farnarten klammern sich an den Fels. Letzterer hat in Folge einer eigentümlichen Verwitterung stellenweise die Kontur von Reptilienhaut.
Mir drängen sich die Schöpfungsmythen der Liederedda auf: Ymir, der Ur-Riese wurde von den Burs-Söhnen Odin, Vili und Ve in die Mitte von Ginnungagap verbracht, wo sie begannen aus seinem Körper die Welt zu erschaffen; sein Blut wurde das Meer, sein Fleisch die Erde und seine Knochen die Berge, aus Zähne und Knochensplitter bildeten sich Felsen.
Gegen Abend ziehen wir wieder heimwärts, in der Gewissheit, nicht das letzte Mal hier gewesen zu sein.