Isar 2006
Wanderfahrt im Urstromtal
mit der Kohte im Rucksack auf Abwegen ...
Alles verteilt, alles verstaut - 23. Mai 2006 - 16:19 Wir tippeln los. Schon seit 2 Stunden begleitet uns eine eiszeitliche diluviale Heidelandschaft mit blauem Enzian und violetten Schlüsselblumen. Wir verlassen den immer dünner werdenden Steig und laufen durch das Kiesbett der wilden Isar flussabwärts. Naturbelassene Landschaften, nur wir, die Vögel und irgendwo da draußen ‚Bruno' der Bär. Das Überqueren des Flusses ist unmöglich, der starke Wasserdruck der Schneeschmelze würde uns die Beine wegreissen. An den Prallhängen sind wir darauf angewiesen, den unwegbaren Teil über die steilen Hänge zu bewerkstelligen. Ein schweißtreibendes Unterfangen. Schon am ersten Tag werden wir mit Nieselregen bedacht. Der letzte Schnee schmolz vor 3 Wochen.
Über einen Steilhang balancieren wir uns zurück zur Flusssohle auf ein Stück bewaldetes Schwemmland. Schnell sind Kohtenstangen gesucht und zurechtgestutzt. Trockenes Feuerholz abgestorbener Äste von Fichten und Kiefern gesammelt. Es regnet nun und wir trocknen uns am Kohtenfeuer. Es gibt Westernkartoffeln und gedünstete Zwiebeln. Dann wird der Tee aufgesetzt. Das Isarwasser ist sehr lehmig. Morgen müssen wir nach Druckwasser Ausschau halten, das hinter den Kiesbänken gefiltert austritt… Es ist schon dunkel und wir trinken noch bis Mitternacht unseren Dornfelder Wein.
Mi.: 8:00 Frühstück bestehend aus 3 Knäckebroten (Wasser und Gewicht sparen) und einem Riegel Hartkäse. Kohte abbauen und entlang eines trockenen Kiesstreifens (alte Wasserrinne) das Schwemmland durchquert. Wie ein eiszeitliches Urstromtal mäandert der Fluß vor uns hin. Immer wieder müssen wir die steilen Hänge erklimmen, weil wir den Fluß an den Prallhängen und auch im Wendepunkt, wo er in der Regel flacher ist, nicht durchqueren können. Noch zuviel Schmelzwasser. Ratte hat sich den Fuß verstaucht, kann aber noch leidlich gut marschieren. Nachmittags kommt grollend ein Gewitter von Süden herauf. In 10 Minuten steht ein Notbiwak aus 2 Kohtenplanen im Wald.
Das Gewitter streift uns nur. Auf einer Kiesinsel verbleiben wir und stellen die Kohte hin. Wenig Feuerholz, wir müssen weitläufig suchen. Halbtrockenes angeschwemmtes Holz gibt es genug, doch innerlich ist noch die Winternässe - das Holz produziert zuviel Funkenflug. Bibers und Rattes Therm-a-Rest sind schon platt …. Das nächste Mal also doch Matte und Fell. Gegen Abend Bilderbuchwetter: Blauer Himmel, Sonne pur. Sternklare Nacht. Wir kochen Reis mit Soße. Lecker und billig. Rotwein zum Einschlafen. Vor dem Einschlafen ‚erden' wir uns mit einem fröhlichen ‚Jabonah!'.
Do.: Großartiger Morgen: Nebelbänke über unserer Kohte. Blauer Himmel. Wir warten, bis unsere Kohte trocken ist. Bei herrlichem Frühlingswetter streifen wir durch die Kiesbänke bis zur Brücke Ochsensitz. Von dort tippeln wir die Mautstraße entlang nach Vorderriß. Wir müssen feststellen, dass immer noch kein Bus die Mautstrecke passiert. Noch zu früh im Jahr. Biber trampt zum Auto zurück - hat auch gleich Erfolg. Wir warten 2 Weißbier lang im Gasthof zur Post. Als Biber zurück ist, bestellen wir Weißwürste. Am Nebentisch kommen wir mit den Leuten ins Gespräch: Woher, warum und wie. "Aha - Pfadfinder seid's! Durch die Schlucht gelaufen. Doch nicht an einem Tag!? Übernachtet! Habt's denn keine Angst vor dem Bären gehabt?" … sofort ertönt ein vierstimmiges: "Nö!!!"
Unsere Tischnachbarn fragen noch nach unserem Tagesziel. Ungewiss? Dann besucht's uns halt auf d'Nacht auf unserer Alm. Die Loana- Alm (Lainer-Alm) am Staffel Berg. Unsere Nachbarn geben sich als Sennerin und Hiatabua zu erkennen. … "Also, dann auf d'Nacht …" Wir laufen noch runter an das Kieswerk vor dem Sylvensteinsee. Nach 3 verschwitzten Tagen ist ein Bad in der frischen Isar angesagt. Weil wir zu früh an der knapp über 1000 m hoch gelegenen Alm ankommen (Hilde ist gerade am Marterl, welches sie pflegt), besteigen wir noch schnell den Hausberg, den 1532 m hohen Staffel. Wir sind noch gut zu Fuß und schaffen es in 1,5 Stunden. Das Wetter hält - dank des heftigen Windes kein Regen.
Eintrag in das Gipfelbuch: Horte der Alt-Rover - bündische Pfadfinder Mannheim. Herrlicher Rundblick, Wolken, Schneefelder, Berge… An der Staffel-Alm nehmen wir eine kleine Brotzeit. Und über die steile Ostwand geht's wieder zurück. Herzliche Begrüßung von Hans (71) und Hilde (54) an der Loana-Alm. Ich stelle unsere Fahrtengruppe namentlich vor. Die Fahrtennamen werden sofort angenommen. Weil wir keine Kohte mehr aufstellen wollen, können wir im Viehstall übernachten. Die Tiere kommen erst in 3 Wochen.
Hilde hat uns bereits erwartet und eine deftige Gulaschsuppe bereitet; es gibt auch Bier und roten Wein. Dann wird geräucherter Speck aufgetischt, Brot, Käse, Tomaten, selbst eingelegte Gurken und Zucchini. Zum Nachtisch gab's Nussecken, Obstler und Waldbeeren-Schnaps. Hans bekräftigt mehrmals, dass wir Hildes erste Gäste seien, was eine Ehre bedeutet. Hilde suche in der Einsamkeit der Almwirtschaft Ausgleich und persönliche Zufriedenheit. Das, was die Alm ihr gibt, möchte sie gerne an auserwählte Gäste weitergeben. Wir sind die Ersten.
Bis weit in den Abend hinein unterhalten wir uns über Weidewirtschaft sowie unser bündisches Selbstverständnis. Es kommt die Frage nach unseren Berufen auf. Im Gegenzug interessiert uns natürlich auch das Leben unserer Gastgeber. Hilde legt plötzlich ein Foto auf den Tisch, welches sie mit einer Panzerfaust abgebildet zeigt. Fotografiert im Kosovo. 90er Jahre, vorderste Linie. Seit einigen Jahren ist sie 2te Vorsitzende eines Vereins für Hilfsgütertransporte nach Bosnien, Kosovo, Rumänien und Moldawien. Da käme man auch mit Kommandanten ins Gespräch … Um 22:00 liegen wir erschossen im Stall. Vor Müdigkeit! Biber und Ratte ziehen noch ein Bier hinter dem Globus, es ist sternenklar.
Fr.: Um 8:00 aus dem Schlafsack. Unsere Gastgeber werkeln schon seit 6:00 Uhr. Es gibt Frühstück: Tee, Zopf, Käse, Schinken, Brot, Leberwurst und und und … Es ist Zeit sich zu verabschieden. Wir fragten, was wir für diesen herrlichen Abend, das Frühstück, nun schuldig wären … denn irgendwie unheimlich war uns diese Gastfreundschaft gar wohl. Das Bier und die Gulaschsuppe würden dem Bauern gehören, das müsste sie bezahlen, für alles andere möchte sie nichts, dazu hätte sie uns herzlichst eingeladen. Überwältigt gaben wir ihr aus unserer Fahrtenkasse, was wir entbehren konnten, zur freien Verwendung für ihren Hilfeverein. Ohne diesen Trick hätte sie jede Zuwendung abgewehrt. Wir tauschen noch die Adressen aus: Postkarten zu Weihnachten und sonstwann. Sowie die Versicherung, dass Unseresgleichen immer gern gesehene Gäste seien … man trifft sich immer zweimal im Leben … ein Abschiedsfoto. Eingelegte Gurken und Zucchini müssen wir glasweise mitnehmen.
Weil die Brücke vom Hochwasser zerstört wurde, stiefeln wir durch eine Furt. Zurück nach Wallgau. Wir wollten ursprünglich noch ein Nebental, eine Klamm oder so belaufen. Doch es droht ein Wettersturz: die Eisheiligen kümmern sich wenig um das Datum und wollen es nochmal zeigen… wir beschließen, noch ein wenig im Urstromtal zu bleiben, uns nötigenfalls für 2 Tage einzuigeln. Diese Entscheidung war gut, denn von jetzt an regnet es fast nur noch. Wir erreichen gerade noch unseren ersten Lagerplatz und es beginnt das Spiel: Regen zum Abendessen (dicke Pastanudeln mit Soße), sternklare Nacht, Milchstraße, ab dem Morgengrauen dann wieder Dauerregen, der erst gegen Nachmittag aufhört. Wir verdösen den Tag, gehen Baden im Fluss. Blumenfotographie, Pflanzenbestimmung. So geht der Samstag zu Ende.
So.: Packtag. Fussel schleppt noch einen Prügel Schwemmholz auf dem Rucksack mit, welchen wir gestern am Isarufer gefunden hatten: Eine Fahrtenerinnerung für das Bundesfeuer der Grauen Reiter - nächstes Jahr. Noch einmal gehen wir Weißwurstessen. Zuhause: schweren Herzens verabschieden wir uns vor den Haustüren - es war eine schöne Zeit.