Isar 2005
Einsame Kieslandschaften,
stehende Wellen und andere Besonderheiten


Eine grandiose Flußlandschaft fasziniert das abenteuerliche Herz.
Naturschutzgebiete - nichts als Naturschutzgebiete!! Entsetzt registrieren wir Alt-Rover, wie der Gesetzgeber unsere Refugien, Wälder, Wiesen und Flusslandschaften vereinnahmt und so die Übernachtungsmöglichkeiten auf unseren Fahrten dezimiert oder kriminalisiert. Wer in einem Naturschutzgebiet zeltet oder übernachtet, kann mit Strafen bis zu 10.000 € rechnen. Vorbei sind die Zeiten, wo wir auf unseren Flussfahrten direkt neben der Aussetzstelle nächtigen konnten.
Die Natur wird unter Lobbyisten aufgeteilt: Grüne, Angler und Vogelschützer scheinen sich gegenseitig das Betretungsrecht streitig machen zu wollen …. Pfadfinder kommen hierbei nicht vor! Und kommerzielle Zeltplätze haben mit Pfadfinderkultur nichts gemein Mit Zustimmung des Besitzers nächtigen wir abseits hinter einem Pferdestall oder im Hinterland der Naturschutzgebiete.
Trotz dieser ernüchternden Erkenntnis, erfreuen wir uns des Fahrtenziels: mit kraftvoller Strömung reitet unser Boot über die Wellen der Isar, gelenkt durch taktische Paddelschläge: eine Mannschaft, welche in oft wortloser Kommunikation mit sich selbst, das Ziel und das Hindernis ins Auge fasst. Jeder Paddelschlag soll sitzen, um lästiges Aufsetzen auf Felsen oder Durchschleifen unter Gestrüpp und Bäumen zu vermeiden! Die Sonne scheint und eine einzigartige Landschaft begeistert unsere Sinne.
Wir haben unterhalb der Staumauer Krün unsere Fahrt aufgenommen. Der Wildfluss mäandert in seinem selbst geschaffenen Kiesbett durch eine Schlucht zum Sylvensteinsee. Wir genießen das klare Gebirgswetter, die außergewöhnliche Natur mit ihren seltenen Pflanzen: wilde Nelken, blauer Enzian, zuviel zum Aufzählen… unser Boot bleibt zwischen zwei Kiesbänken hängen - Zeit, das Grandiosum auf sich wirken zu lassen. Der kräftige Gebirgswind bläst durch das eiszeitliche Tal und eine Dohle landet in unserer Nähe an. Kontrastvoll hebt sich der schwarze Vogel von dem hellen Kiesgrund ab
Grünweiß rauscht das Wasser an uns vorbei, unter uns hindurch. Noch ist der Fluss flach; oftmals muss das Boot verlassen werden, weil Schotterbänke und flache Streifen ein Weiterkommen vereiteln. Wir kämpfen uns durch! Mit besonderem Respekt begegnen wir angeschwemmten Baumleichen; leicht können diese uns gefährlich werden. Nach vielen Stunden kommen wir an der Autobrücke Vorderriß an: wir sehen erstmals unser "Begleitfahrzeug" wieder - unwegsames Gelände hat ein Zusammentreffen unmöglich gemacht.
Am nächsten Tag setzen wir unsere Fahrt unterhalb des Stausees fort: waren wir gestern noch nahezu alleine auf dem Fluss, begegnen uns erstmals "Spaßboote" oder sogar martialisch anmutende "Raftingsportler" - wohl eher Eventtouristen aus nahen Sport- oder Outdoorhotels. Ihre professionelle Kleidung passt so gar nicht zu dem nun zahmer werdenden Flussabschnitt. Spaßboote und Raftingsportler in voller Kampfausrüstung gemeinsam auf dem Wasser - welch ein Widerspruch.
In Höhe der "Pestsäule" landen wir verabredungsgemäß an, um unser Begleitfahrzeug zu treffen: ein Mittagessen mit Gurken, Obst, Käse und Würsten soll uns stärken - ein kühles Bier darf nicht fehlen. Kurze Zeit später geht's weiter. Die starke Sonneneinstrahlung lässt die Temperatur auf über 30°C ansteigen. Die Brutstellen der brütenden Kiesbewohner meidend, ufern wir an, um die heiße Nachmittagssonne im Schatten von Weiden zu verbringen. Kurz vor dem Tagesziel "Wies-Brücke" erleben wir eine kleine Überraschung: nach einer natürlichen Anstauung schießt das Wasser über eine abschüssige Kiesfläche hinab: am Prallhang türmt sich das Wasser zu einer so genannten "stehenden Welle" auf, eine vielleicht 15 Meter große Wasserlinse, welche mindestens einen Meter über dem Wasserspiegel liegt. Der Wasserdruck schießt unser Boot über den Wellenkamm und wir müssen blitzschnelle Reaktion zeigen, um nicht gegen die Felsenwand gedrückt zu werden. Achterbahnfahren ist nichts dagegen …
An diesem Abend lagern wir unterhalb des Berges "Vorderes Schwarzköpfel 1095 m" zwischen Parkplatz, frisch gemähten Wiesen und unter dem Eindruck ständiger Kuhglockenbeschallung. Wegen der sternenklaren Nächte bevorzugen wir wieder den freie Himmel: Sternschuppen und schnell ziehende Satelliten vor dem Einschlafen. Am kommenden Tag wird der letzte Abschnitt wiederholt befahren. Ausgebootet wird diesmal an der Tattenkofer Brücke bei Geretsried, nachdem sich die Mannschaft in einer wüsten Wasserschlacht die dem drückenden Wetter angemessene Abkühlung verschaffte.
Den letzten Abend begehen wir feierlich und beschließen ihn mit einer besinnlichen Tschairunde. Im Morgengrauen schälen wir uns aus den Schlafsäcken und machen uns auf den Weg, den Hausberg zu besteigen. Ein herrlicher Sonnenaufgang über der Bergwelt des Karwendelmassives ist der Lohn unserer morgendlichen Mühsal….