Winterlager 2005
Schwitzhüttenbau am Hesseneck
Die Alt-Rover werkeln und experimentieren am Eutersee ...
Irgendwas ist anders als vorher…! Beim Knöpfen der Jurte halte ich inne und schaue über das kleine Tal, dort wo Hessen, Baden und Bayern zusammentreffen. In der Abenddämmerung ist die Natur verstummt und es hat …. aufgehört zu tropfen!! Unwillkürlich streife ich meine dicken Arbeitshandschuhe über und gehe zum Thermometer: Frost zieht herauf. Nach einem milden Januar soll nun der Winter mit strengen Nachtfrösten zurückkommen - so die Vorhersage.
Mit der Dunkelheit kommen auch die restlichen Freunde am Lagerplatz an und zu viert stellen wir unser Zelt auf. Bald prasselt ein anheimelndes Feuer in der Schale und im gusseisernen Topf wirft ein dickes "Chili con Carne" seine Blasen. Neugierig verfolgt Hund "Leica" unser Tun, ein Husky-Mädchen aus dem Tierheim. Wie im Fluge vergeht der erste Abend mit Erzählen, ein paar angestimmten Liedern und einem ordentlichen Appetit nach unserem Chili. Als wir gegen 01:00 Uhr in die Schlafsäcke kriechen, schauen wir nochmals draußen nach: es hat -7.5° C. Im Zelt hat es noch Plusgrade; wir überlassen das Feuer sich selbst.
Mit der Morgendämmerung muss der Hund raus; die Nachttemperatur ist nicht weiter gefallen und es kündigt sich ein strahlend blauer Himmel an. Bestes Wetter, um unser Vorhaben in die Tat umzusetzen. Wir wollen eine indianische Schwitzhütte bauen. Doch zunächst wird ein stärkendes Frühstück eingenommen und im Kessel Tee gekocht. Mitgebrachter Kuchen wird brüderlich verteilt.
Das herrliche Winterwetter lädt zu einer Streife ein. Den Bachlauf aufwärts kommen wir an den gestauten Eutersee. Diese Nacht hat noch nicht ausgereicht, sein Wasser in eine Eisdecke umzuwandeln. Leica tollt durch den Schnee und wir fotografieren das Spiegelbild der Bäume: Schwarzerlen und Birken. Mit Reif überzogene, am Boden kriechende Brombeerranken ziehen unsere Aufmerksamkeit an sich.
Am späteren Vormittag stattet der "Förster" uns einen Besuch ab und wir beginnen mit den Holzarbeiten. Die Jurte will für den Abend gut beheizt werden und für das Schwitzzelt benötigen wir heiße Steine, welche in einem starken Feuer erhitzt werden müssen. Ein kräftiger Linseneintopf schafft gute Laune und wärmt von innen. Biegsame Haselruten werden geschnitten und immer zweien gegenläufig zusammengebunden, um ein Kuppelgerüst zuschaffen. Mit Garnschnur werden die Ruten zu einem Bogen gebunden, denn der gefrorene Boden verhindert ein Stecken in die Erde. Das kuppelartige Gerüst wird durch Ringreifen aus weiteren Haselnussstecken stabilisiert und ein Torbogen eingefügt.
Mit dem Klappspaten wird der gefrorene Boden aufgebrochen und eine Kuhle soll die heißen Steine, sogenannte "Stonepeople" aufnehmen. In einer anderen Ecke der Hütte werden Fichtenzweige ausgelegt: das Sofa aus Naturmaterialien. Alte Kohtenplanen, über das Gerüst geworfen, dichten die Schwitzhütte ab. In der Zwischenzeit wurden die Porphyrsteine in die Stellage eines Pagodenfeuers gestapelt und entzündet. Bald lodern die Flammen hoch und mit einem scharfen Knall explodieren die ersten Brocken. Messerscharfe Abbrüche fliegen umher und lassen uns Abstand nehmen.
Die Bruchkanten sind rasiermesserscharf und würden geeignet sein, selbst die dicke Haut eines Mammuts zu ritzen. Uns wird klar: nur so kann der Quantensprung der Menschheit zu den ersten ritzenden Steinwerkzeugen vollzogen worden sein - nicht durch zertrümmernden Bruch, sondern durch die sprengende Kraft des Feuers, wo einem fertige Pfeilspitzen und Schaber sozusagen vor die Füße fallen. Nicht alle Steine werden durch die Gluthitze zerstört; was übrig bleibt wird einem "Härtetest" im Bach unterzogen: Dampfschwaden ziehen aus dem kochenden Bachwasser und der Stein bleibt heil. Keine weiteren Explosionen.
Es kostet schon einige Überwindung, sich bei Frost zu entkleiden und hinüber zur Schwitzhütte zu pilgern. Auf dem Fichtensofa lässt sich gut ruhen und die glühenden Steine werden mittels der Schaufel in die Kuhle gelegt. Kerzenlicht deutet im dunklen Raum an, wo die Steine liegen, doch der zischende Dampf nimm sofort alle Sicht. Wohlige Wärme durchzieht die Hütte und es dauert nicht lange bis die Hautporen sich öffnen. Jedoch werden auch einige bautechnische Mängel sichtbar: Kohtenstoff, auch mehrlagig, eignet sich nur bedingt als Abdeckung. Zuviel Dampf passiert die Kuppel und eine Erdaufschüttung am Hüttenlrand würde das Eindringen von Kälte verhindern.
Die Vorliebe der heutigen Indianer für Plastikfolien lässt sich so nachvollziehen. In früheren Jahren fanden Felle hierfür Verwendung. Eine weitere Alternative wäre das Aufschichten von Grassoden, so wie es die Lappen für ihre Sommer-Kota machen, wenn sie die standortfesten Sommerweiden belegen - so gesehen am Vinhaure-See im Sulitjelma-Massiv. Auch wenn die Schwitzhütte aus genannten Gründen nicht die Temperatur einer Sauna erreichte, war sie trotz des Energieverlustes zumindest genauso angenehm wie ein römisches Tecaldarium.
Das Optimierungspotential ist erkannt und das nächste Mal kommen feinkristalline Gneise zum Einsatz. Vulkanische Basalte sind leider in unserer Gegend nicht vorkommend…
Zum Abend wurden in der Jurte saftige Fleischspieße gesteckt und im "Dutch Oven" ein wunderbares Kartoffelgratin gegart. Der "Dutch Oven" ist im Prinzip ein schwerer gusseiserner Topf mit Deckel, dessen Abdeckung glühende Kohle aufnehmen kann. Mit dieser Oberhitze lassen sich ohne weiteres Zutun und ohne Unterhitze herrliche Ofengerichte zaubern. Die Spieße wurden im Rauch mehrere Minuten geräuchert bevor sie endgültig über die Glut kamen. Dazu schmeckt dunkelbraunes Winterbier.
Am Feuer wurde noch lange palavert, ein paar Liedchen angestimmt, Vergangenes und Zukünftiges besprochen. Ein kleiner Nachtspaziergang zeigt nochmals die Schönheit des winterlichen Sternenhimmels und grimmige Kälte lässt uns bald wieder das Zeltinnere aufsuchen. Das Thermometer bleibt bei -11.8° C stehen.