Lothringen 2006
Erlebnisse im "Geisterdorf"
Abwege an der Maginot-Linie  
Es beginnt schon zu dämmern, als wir das kleine lothringische Dorf Niedervisse bei Boulay Moselle verlassen. Wir wollen vor Einbruch der Nacht noch das militärische Sperrgebiet ‚le ban St-Jean' erreichen, um dort zwischen den Häuserruinen einer ehemaligen Offizieransiedlung unser Krötenbiwak aufzuschlagen. Dank des Internets haben wir Kunde von diesem Dorf und seiner verworrenen Geschichte erhalten. Wir verfügen über kein entsprechendes Kartenwerk und verlassen uns einzig und allein auf spärliche Angaben und veraltete militärische Ausschnitte des letzten Krieges.
Unsicher verfolgen wir unseren Weg und erreichen tatsächlich wie vermutet einen Eingang. Schaut alles recht verlassen aus und wie schon lange nicht mehr genutzt. Dennoch: "Zutritt verboten - militärisches Sperrgebiet" prangt abweisend auf einem Blechschild. Geschlossener Schlagbaum! Ein paar Fotos von uns und dem Schild, dann marschieren wir rein. Wir müssen uns sputen, bald wird's dunkel. Und wir wissen nicht, ob wir alleine sind. Nach gewissen Angaben soll das Dorf der franz. Armee noch zum Üben des Häuserkampfes genutzt werden. Außerdem finden sich immer noch irgendwelche Cache-Leute, welche verbotenerweise mit ihren GPS-Geräten sich auf Schatzsuche befinden.
Wir dürften zu den wenigen zählen, welche an diesem unheimlich wirkenden Ort auch noch übernachten wollen. Nach einer flinken Orientierung erkennen wir hinter den Baumwipfeln die ersten Häuserleichen, einen zerstörten Wasserturm, Straßen aus denen die Vegetation hervorbricht. Wir schauen uns um und verschwinden in den Seitenstraßen. Allen Häusern fehlen die Dächer und es gibt anscheinend keine intakten Treppen zu den Obergeschossen. In manchen sind sogar die Decken partiell eingestürzt und wir misstrauen der Tragekraft der Fußböden.
Zwischen 2 Hausruinen platzieren wir sternförmig unsere 3 Kröten aus Kohtenbahnen. Nun wird's aber schnell finster und im Dunkeln muss das Feuerholz gesucht werden. Unheimliche Atmosphäre verbreitet sich allerorten: Fledermäuse verlassen die Ruinen und durchpflügen die schwarzblaue Nacht. Unzählige Käutzchen verfolgen den Eindringling mit ihrem Rufen. Sternklare, mondhelle Nacht. Es fällt uns schwer, ein Feuer zu entfachen. Überall mangelt es an Totholz. Oder es ist unangenehm feucht. Gutes Zureden hilft und endlich lodert die Flamme.
Wir machen Tschai - nach ‚hussas' Rezept, das wärmt und vertreibt die schlimmen Gedanken. Eine kalte Nacht kündigt sich an. Nach Mitternacht kriechen wir in die Kröten. Doch so richtig schlafen kann keiner. Ist's der beinahe-Vollmond oder sind's die blechern tönenden Dorfglocken, welche reihum Signal geben, aber keiner Uhrzeit zugeordnet werden können. Ein sonniger Morgen, aber kalt - so um den Gefrierpunkt. Wir überlegen uns, Wasser herbeizuholen (wo auch immer), den Tag mit der Erforschung des Truppenübungsplatzes zu verbringen und unsere neue Kohte für die Nacht aufzutakeln. Wir wollen das eigentümlich weiche Morgenlicht nutzen und ziehen mit unseren Kameras auf Streife.
Was gibt es da nicht alles zu erforschen: Hauseingänge, alte Kacheln, Bakelit-Schalter, Glasisolatoren, verschüttete Keller, Garteneinfassungen, unterirdische Bunkerzugänge, teilweise geflutet. Ein Gebäude entpuppt sich als ehemalige Kirche: 1939 mahnt eine Zahl aus Kieselsteinen im Betonfundament. Viele Gebäude erinnern an Dornröschen und entziehen sich hinter einem fast undurchdringbaren Gestrüpp aus dem die toten Giebel herausragen oder leere Fensternischen dich anstarren.
Das Lager Ban-Saint-Jean wurde als Kaserne für französische Truppen der Maginot-Linie in der Mitte der 30er Jahre gebaut. Die gepflegten Rosengärten der Offiziershäuser brachte Ban-Saint-Jean den Namen "die Rose der Maginot-Linie". Nach der Kapitulation Frankreichs zog die Deutsche Wehrmacht im Herbst 1940 in Ban-Saint-Jean ein. Das ‚Dorf' wurde zum Kriegsgefangenenlager der Deutschen Wehrmacht ausgebaut - französische und serbische Gefangenen wurde hierher verbracht. Die Wehrmacht nannte nun das Lager nach Johannis Bannberg und es war ein Zweiglager des Stalag XII F mit Sitz in Forbach.
François Mitterand war hier auch inhaftiert. 1941 wurde das Lager für die Aufnahme größerer Mengen russischer Kriegsgefangener hergerichtet. Sie wurden für Zwangsarbeiten in lothringischen und saarländischen Bergwerken gehalten. Die nicht arbeitsfähigen Gefangenen wurden im Lazarett Johannis Bannberg durch polnische Ärzte ‚arbeitsfähig' gemacht. Der Mangel an Nahrungsmitteln und Medikamenten im Lager stellte die Lagerverwaltung vor fast unlösbare Probleme, denn ihre Aufgabe bestand darin, die Arbeitskraft der Gefangenen wieder herzustellen.
Vieles deutet darauf hin, dass die Gefangenen nicht zu Vernichtung, sondern zur Erhaltung der Arbeitskraft interniert waren. Spätere Angaben franz. Zeitungen über Vernichtung und Massengräber scheinen nach heutigen Forschungen unhaltbar, wurden aber nach 45 gerne ‚gepflegt'. Probegrabungen wurden bislang vom frz. Staat nicht genehmigt. Bei einer ‚wilden Grabung' wurde ein dt. Wehrmachtssoldat mit Genickschuss exhumiert. Die Nutzung des Lagers von 45 bis 46 ist weitgehend verworren und unklar.
Wir vergessen Zeit und Raum. Die Sonne steht schon hoch und Hunger meldet sich. Das Morgenlicht hat uns das Frühstück vergessen lassen. Auf dem Rückweg zu unserem Lager trotten wir stumm und gesenkten Hauptes nebeneinander, jeder in Gedanken. Plötzlich: "Scheiße!!" - etwa 100 Meter vor uns ein gepanzertes frz. Fahrzeug. Innerhalb 1 Sekunde sind wir vom Weg. Hinter einer Hauswand erwarten wir das Ankommen. Doch nichts dergleichen geschieht. Hat man uns etwa gar nicht bemerkt? Wir schlagen uns durch Gestrüpp zur nächsten Häuserreihe durch.
Ein kurzer Blick auf unser rudimentäres Kartenwerk lässt die Entscheidung reifen: gepanzertes Objekt parallel zu umgehen, tiefer in das Sperrgebiet eintauchen, Lagerplatz beobachten, Kröten flachlegen, Gelände observieren, Rucksäcke packen und das ‚Dorf' durch den schützenden Wald zu verlassen. Die Kröten scheinen noch unentdeckt; im Wald hören wir das ‚Kurven' des gepanzerten Fahrzeugs. Suche??
Zu unsicher scheint uns das Gelände, wir beschließen ins ‚Erbsenthal' auszuwandern, dort unsere neue Kohte nach dem TROLL-Prinzip aufzutakeln und probeweise aufzurichten. Schlafen wollen wir aber in einer nahen Sandsteinhöhle, oberhalb des Sees. Unterwegs probieren wir noch den Hobo-Ofen, welchen ich aus einem Ofenrohr-Verbindungsstück mittels Blechschere hergestellt hatte. Wir kochen darauf Kaffee.
Im Erbsenthal suchen wir einen Kahlschlag auf, wo wir die Kohte probeweise aufbauen können. Interessante Ansätze von TROLL. Ein Waldarbeiter beäugt uns interessiert aus seinem Auto. Wir ignorieren ihn. Als das Zelt steht, wird noch ein wenig fachsimpelt, dann wieder abgebaut. Wir essen eine Kleinigkeit. Plötzlich fährt ein Mannschaftwagen der frz. Polizei vorbei - in diesem ansonsten menschenleeren und abgelegenen Tal. Langsam und sichtlich irritiert fährt man an uns vorbei. Wem das gegolten hat ist uns klar. Ällabätsch …!!! Befriedigt nehmen wir den Weg zur Höhle auf …
Über der Höhle ein herrliches Plateau, nicht einsehbar, idealer Platz für eine Kohte. Doch wir wollen unbedingt wieder Höhlenluft atmen. Feuerholzsuche und Warten, bis die Dämmerung einbricht. Gemütlich kochen wir Bauernschmaus: Speck auslassen, Zwiebeln, Knoblauch, Paprika, Chili und geröstete Kartoffeln. Mit viel Rosmarin. Herrlich nach einem so aufregenden Tag. Der Rotwein und die Gewürze reichen noch für einen zweiten Tschai. Nachts besucht uns eine Maus. Schlaf der Gerechten.
Sonntag Morgen: Nach einem echten Bohnenkaffee ziehen wir wieder los Richtung Maginot-Linie. Unterwegs Fotos von Wasserläufern im Bachwasser des Erbsenthalbaches gemacht. Gar nicht so einfach die flinken Insekten einzufangen. Besonders interessiert uns eine Festung hinter einem 2,5 Meter tiefen Wassergraben: ausgeschachtet und den Bach eingeleitet. Eine eisenbewehrte Betonsperre macht ihn staubar und schützt die Festung von einer Seite durch den Graben. Zwei drehbare Kanzeln können das Gelände bestreichen. In einer gewagten Aktion überwinden wir den Wassergraben und arbeiten uns durchs Unterholz. Der Vorplatz der Festung ist von Wildschweinen durchpflügt, der Bunker selbst auf der Frontseite gesprengt. Teile des Lüftungssystems, Gebläse und Rohrleitungen liegen herum. Es riecht muffig.
Langsam machen wir uns wieder auf den Nachhauseweg. Mit dem Auto passieren wir die ‚grüne Grenze', so, wie wir es schon seit Jahrzehnten und noch vor ‚Schengen' getan haben.