Nord-Eifel 2007
Viatores sumus...
… quod patres nostres margine viae sepulti sunt.
Mit bleierner Schwere liegen die Regenwolken über dem Wald. Es nieselt auf unsere Lokomotive und Bibers Einsiedler-Kröte. Die Aussicht auf anhaltenden Landregen stimmt uns melancholisch ein. Da gibt's keine Hilfe!- und wir stehen draußen, um uns marschfertig zu machen. Gestern noch waren wir bei herrlichem Wetter von Bad Münstereifel losgezogen, um auf einer sechstägigen Wanderfahrt auf römischem Kulturerbe zu wandeln. Gestern noch schwitzten wir mit unseren Affen um die Wette, fluchten über die 20 Jahre alte Karte, welche uns manchmal vor arge Probleme stellte. Einem alten Pilgerpfad nach Santiago de Compostela folgend, gelangten wir nach 17 km Tippelei bis zur verschlossenen Ahekapelle.
Der Umstand, dass man uns wegen des mitgeführten Wimpels als Pilger einstufte, brachte uns unterwegs viel Spass und so manches Bier. Leider war die Kapelle verschlossen. Doch kurz vor der Dämmerung fanden wir noch rechtzeitig ein komfortables Plätzchen, eine kleine Waldlichtung mit gelb leuchtendem Ginster und einem Sturmschaden nebenan, was die Suche nach Feuerholz erheblich erleichterte. Der nachmittägliche Gewaltmarsch blieb für mich nicht ohne Folgen; Muskelzuckungen im Kinn, sowie Wadenkrämpfe und Schüttelfrost legten mich erst einmal flach. Es war keine gute Idee, den verlorenen Vormittag ohne ausgiebige Brotzeit einholen zu wollen, nachdem Bibers Auto frühmorgens von einem Taxi zu Schrott gefahren wurde.
Doch wozu hat man Freunde, welche für einen arbeiten: ein schmackhafter Eintopf mit frischem Gemüse, welches wir im Leinenbeutel mitführten, brachte mich schnell aus der Unterzuckerung heraus. Nur der Rotwein wollte noch nicht so recht schmecken. Die Nacht war ruhig, trotz der Losung von Wildschweinen, welche in diesem Revierabschnitt massenweise aufzufinden war. Mein Schnarchen ließ wohl ein Tier respektabler Größe vermuten.
. Im Regen zogen wir frühmorgens am Weiler "Horrido" vorbei und mussten dabei an Mac und seine Waldjugend denken. Die uralte Karte war keine große Hilfe und nach einigem Suchen waren wir froh, am richtigen Ende aus dem Wald heraustreten zu können. In einer Waldhütte wurde eine Brotzeit mit leckeren Wacholderwammerln, Käse und Knäckebrot gehalten. Nächstes Ziel war ein römischer Kalkbrennofen vor der Gemeinde Nettersheim. Mittlerweile hatte es sich so richtig eingeregnet. Einen heftigen Landregen überdauerten wir unter einer Autobrücke am Eingang des Urfttales
Biber kletterte die Böschung hinauf, um irgendwo noch Teller, Tasse und Besteck zu besorgen, welches er vor lauter Aufregung vergessen hatte mitzunehmen. Der Unfall hatte ihn völlig absorbiert. Mittlerweile beginnt auch noch Fussels Haxe bei jedem Schritt zu schmerzen. Blasen sind es nicht, die Sehnen scheinen auch OK; hoffentlich kein Kapselriss oder anderes. Auf dem Weiterweg läuft uns mittlerweile das Regenwasser zwischen Juja und Affe den Buckel hinunter.
Wie ein Schwamm saugen sich die Auenwälder des autofreien Urfttales mit dem Niederschlag voll; der Wald dampft und es riecht allerorten nach Bärlauch. Hier beginnt die römische Wasserleitung nach Colonia Agrippina, dem heutigen Köln. Eine gut erhaltene Drainageleitung, welche bergseitig durchlässig und porös, talseitig jedoch mit Wasserputz abgedichtet war, nimmt das Wasser der Quellen an den Hängen auf. Es fließt ziemlich flott. Eine Kiesschicht im Kanal sorgt für eine erste Filterung. Eine Brunnenstube bewirkt eine Beruhigung und weitere Sedimentation. Bei schönem Wetter hätte man ein bequemes Sitzbad darinnen vornehmen können. So aber war es wenig einladend.
Zwei Medusenhäupter blicken neben dem Eingang grimmig auf den Eintretenden. Im Mittelalter hat man ihnen heftig zugesetzt, um dem heidnischen Zeugs den Garaus zu machen. Wegen Fussels Haxen, dem unaufhörlichen Dauerregen und einem Nachbau eines römischen Brunnenwärterhauses, fühlten wir uns demoralisiert genug, die Nacht an Ort und Stelle zu verbringen. Ob die Achenlochhöhle, 3 km weiter am Prallhang der Urft gelegen, für eine Übernachtung taugt, schien uns zu ungewiss und ein Nachtlager auf der Stolzenburg mit Sicherheit ein nasses Vergnügen. Durchnässt waren wir bereits. Im Unterstand des aufgemauerten Brunnenwärterhauses konnten wir ein kleines Kochfeuer unterhalten; es gab Bratkartoffeln mit Zwiebeln, Speck und Knoblauch. Im Obergeschoß konnten wir unsere Dinge trocknen und schlafen. Der Nachtregen war heftig.
Frühmorgens wieder raus, durch die Urftschleife zur Höhle. Am Scheitelpunkt der Schleife fanden sich noch Reste einer seitlichen Wasserleitung, welche als Aquädukt das Tal überquert hatte. Die Steine dieser Überbrückung dienten wohl jetzt als Wehranlage, um das Urftwasser für eine Mühlenanlage aufzustauen. Der Wald war voller Bärlauch und blau flammender Teufelskrallen. Als wir an der Achenlochhöhle ankamen, waren wir heilfroh, gestern nicht weitergezogen zu sein. Sie lag an einem feuchten, lehmigen Hang und hatte die Form einer Bratröhre. Biber inspizierte sie und hatte Mühe, ohne abzurutschen wieder herabzukommen
Gegenüber des Dörfchens Urft verlassen wir das Tal und schwitzen uns Richtung Keldenich vor. In einem Landgasthof verlangen wir ein verdientes Bier, während draußen der November Einzug hält. Er läßt die Dorfkirche im Nebel verschwinden. Zur Abwechslung schüttet es einmal aus sämtlichen Kannen. Drinnen war's gemütlich und die Theke mit staunenden Männern besetzt, welche uns wie von einem anderen Stern kommend anstarrten, um dann von ihren Ehefrauen nach und nach zum Mittagessen abgeholt zu werden. Trotz Wimpels war ihnen allerdings klar, dass wir unmöglich Pilger sein konnten, so abgerissen wie wir mittlerweile aussahen. Nach dem Wolkenbruch und einer kleinen Stärkung strebten wir dem schönen Königsfeldertal zu.
Der Wind zerrte heftig an unserem Wimpel und die Pferde auf der Koppel wurden scheu. Schon vorgestern stieg ein Pferd vor uns auf, das im Wald mit einem Reiter unvermutet auf uns zukam. Pferde sind heute keine Paniere mehr gewohnt. Weil das Tal sehr feucht ist, steigen wir querwaldein zum Bergrücken hoch. Und finden ein ideales Plätzchen zum Lagern. Mittlerweile traute sich auch die Sonne hinter den Wolken wieder hervor. Wir verzichteten heute auf das Kochen Es gab halt noch mal kaltes Bauchfleisch zu Essen
Der Morgen war sehr kalt und der Himmel strahlte in tiefem Blau. Schon gegen 7:30 packten wir unseren Kram und stiefelten los. Dort, wo üblicherweise die Träger eines Leichenzuges an der Ansteige von Urfey nach Weyer einen Pausenstop einlegten, nahmen wir unser Frühstück ein. In Weyer selbst wollten wir den mittelalterlichen Kirchenbau erkunden. Leider war das heilige Gebäude abgeschlossen. Ein älterer Herr empfahl uns, die Burg Vogelsang zu besuchen; heute zugänglich, nachdem die belgischen Truppen die riesige Hochfläche vor einem halben Jahr zurückgegeben hätten.
Unsere Fahrt ging weiter zur Kakushöhle nach Dreimühlen. Eine riesige, leider touristisch erschlossene Höhle, welche bereits von den Neanderthalern genutzt wurde. Urtümlich erhebt sich der mit Efeu verhangene Kalkfelsen, dessen Plateau mit einem keltischen Abschnittswall umzogen ist. Dort fand man Reste von Eisenverhüttung, einen sogenannten Rennofen. An der Straße fand sich idealerweise ein Biergarten. Weissbier und Grußkarten für die daheim gebliebenen Freunde wurde erstanden.Unterwegs nach Vussem hielten wir ein Postauto an. Denn Briefmarken gab es weit und breit keine. Beim Postauto waren wir richtig; Dienstleistung auf direktem Wege ….
In Eiserfey begutachteten wir ein Tosbecken; hier liefen sämtliche Seitenstränge der römischen Wasserleitung zusammen. Beachtlichen Reste eines Aquäduktes fanden wir im Dörfchen Vussem. Vor dem Abend noch eine kleine Kraftanstrengung: der Höhenrücken zwischen Vussem und Bergheim bei Mechenich musste überwunden werden. Jetzt war es schon heiß und lästig schwül geworden. Völlig ausgetrocknet, luden wir uns in bekannter Manier wieder bei einem Bürger zum Bier ein. Ein Neubürger aus dem Düsseldorfer Raum. Sein Schwiegersohn kaufte den alten Bauernhof, um mit seiner und der Schwiegertochter Familie ein Mehrgenerationenhaus zu schaffen. In Eigenarbeit.
Aller Abschied ist schwer und wir mussten ja noch das Spülsandbecken der Mechenicher Bleigruben finden. Ein See, versteckt im Bergwald. Leider ein einziger Urwald und für uns nicht findbar, trotz intensiven Suchens. Fussels Fuß meldete sich wieder und fing an zu pochen. Das machte uns ein wenig unruhig, vor allen Dingen schränkte es uns in unserer Handlungsfreiheit ein. Da kam die Idee auf, mit Joe nach Pesch zu fahren, um dort am Matronenheiligtum zu übernachten. Das wäre für Fussels Fuß besser, als durch das Unterholz zu latschen. Wir warteten auf Joe's Ankunft am gemähten Straßenrand. Ich muss wohl auf dem Fell eingeschlafen sein.
Am letzten Tag fuhren wir mit Joe's Auto zur Burg Vogelsang. Ein grässlich kommerzialisierter Rummel. Eine historisierende Militäranlage der 30er Jahre, heute Stützpunkt der Eifelpark-Ranger. Noch 5 Jahre und wir haben ein Eifel-Disney! Geführte Wanderungen im 10 Minutentakt. Wege verlassen ist verboten. Eselreiten für die Kinder. Bauernmarkt der kitschigen Sorte. Natur zum Angucken auf Fotoplakaten. Wir umrundeten den Militär-Komplex, nicht ohne jene Ecken abzuklappern, welche zu betreten ausdrücklich untersagt war. Biber hat ein Gespür für Türen, welche man vergessen hatte abzuschließen. Die Anlage war nach dem großen Krieg in belgischer Verwaltung, ein NATO-Übungsplatz. Hier wurden Panzergranaten über die zeitweise gesperrte Bundesstraße bis nach Belgien rüber verschossen. Im Dez. 2006 wurde das Areal an die Bundesrepublik zurückgegeben.
Rover-Akademie:........ "römische Industriegeschichte"