Donnersberg
April 2009
Bei Kelten und der Wacht am Rhein ...
Gemächtlich zieht unsere abendliche Karawane am Zaun des Trapistinnenklosters Gethsemani vorüber. Drinnen strenge Observanz, draußen ein etwas anderer Orden, dem Diesseits verpflichtet. "Die Wacht am Rhein", ein verrostetes Schild, erinnert an das Expansionsbestreben Frankreichs unter Adolphe Tiers (1840). Unter den Klängen des gleichnamigen Liedes zogen deutsche Soldaten 1870 gen Frankreich vor. Das Lied fordert auf zur Sicherung der Rheingrenzen und galt lange Zeit als inoffizielle Nationalhymne. Auch der Wahnsinn wird nicht aus sich selbst heraus geboren, hat immer seinen Anfang.
Über die Hirtenfelsen mit seiner Heidelandschaft erreichen wir unser Nachtdomizil: eine geräumige Schutzhütte, deren Vorplatz eine herrliche Aussicht nach Dannenfels bietet. Eine Feuerstelle. Schnell wird auf dem Holztisch das Mitgebrachte ausgebreitet und ein Abendmahl gehalten. Und mit den Kelchen auf die lieben Freunde angestoßen, welche nicht dabei sein konnten. Das Feuer wird entfacht, die Gitarren gestimmt und das abendliche Musizieren kann beginnen: "Über meiner Heimat Frühling". Lange sitzen wir beisammen, bis ein jeder müde in den Schlafsack kriecht. Der dunstige Morgen lädt zum Fotographieren ein. Die Sonne quält sich durch den zähen Schleier. Die Abendreste werden zum Frühstück erklärt, dann geht es frohen Mutes hinauf zum 1864 errichteten Ludwigsturm.
Wir befinden uns innerhalb des Ringsystems eines keltischen Oppidums. Die Anlage beherbergte einst 500 Bewohner. Schlackenreste deuten auf eine kleine Eisenindustrie hin. Die Felder lagen auf den umliegenden Bergen. Ein rekonstruierter Wallabschnitt verdeutlicht die imposante Bauweise: ein V-Graben im Vorfeld und eine ringförmige, gemauerte Wallanlage; zusammengehalten von einer mächtigen Holzkonstruktion dahinter. Angeschmolzener Bruchstein zeugt darüberhinaus von einem gewaltigen Brand. Auf den zusammengestürzten Resten der Wallanlage balancieren wir zur höchsten Erhebung des Donnersbergmassivs: den Königstuhl (687 m). Dieser Rhyolithblock reicht mit 8 km Länge in die Erdkruste hinein. Auf ihm pflanzen wir unseren Wimpel auf und genießen den herrlichen Rundblick.
Am gegenüberliegenden Berghang nimmt man einen Gebäudekomplex wahr, welcher sich auf keiner Karte eingezeichnet findet: früher ein Depot für Giftgase und Atomsprengköpfe, wie uns ein Kundiger vermittelt hat. Auch von Umweltschäden ist die Rede. Wo die Flüssigkeit zur Gasentwicklung hintropfte, wird auf Jahrzehnte nichts mehr wachsen. Wir ziehen weiter zum Hühnerberg. Welch merkwürdiger Name. Eine Hütte mit dem trefflichen Schild ‚Fressplatz' läd zur Rast und Brotzeit ein. Die mitgeführten Wacholderwammerln werden weggeputzt, dazu Knäckebrot und das letzte Wasser. Wir dösen in der Sonne. Doch die Quelle der Spendel stellte sich als Wasserloch heraus; wir marschieren weiter talwärts und biegen ab zum Wildensteiner Tal.
Grog watet im frischen Wasser des rauschenden Waldbaches. Wir trinken gierig das kühlende Nass. Weiter droben wollen wir unsere Flaschen für die Nacht auffüllen. Am reißenden Felsen biegen wir zu früh ab, bemerken aber bald den Irrtum. Gestürzte Bäume und die schroffen Wände des Schluchtwaldes geben der Landshaft etwas Feierliches. Blühende Schlehen setzen weiße Tupfer in die Hänge. In mühsamen Serpentinen schleppen wir unsere Gewichte in die Höhe.
Auf einem Felsvorsprung thronen die kümmerlichen Reste der Ruine Wildenstein. Da ist kein Platz für eine Kohte. Eingezwängt in ein Mauergeviert richten wir die Schlafstelle ein. 3 geknüfte Kohtenbahnen sollen als Segel den Nachttau abhalten. Von der Burg ist wenig bekannt. Wahrscheinlich ein in den Bauernkriegen gefallenes Raubnest. Ein tiefer, ungesicherter Brunnenschacht rät zur Vorsicht. Bald wird dunkel. Auf einem kleinen Grubenfeuer kochen wir einen leckeren Gemüseeintopf: Zwiebeln, Speck und Karotten, Succhini und Grünkern. Dazu noch roten Wein. Wir sind müde und singen ohne Klampfe. Bald vermischen sich der Käuze Rufen mir unserem allgemeinen Schnarchen.
Wir sind früh auf den Beinen und die aufsteigende Sonne lädt zur Fotographie ein. Schlüsselblumen und grüne Nieswurz zwischen den Trümmern. Schnell wird die Feuerstelle zugeworfen und abgedeckt; die Planen werden zusammengelegt. Ein kleines Käsefrühstück mit Bierwurst und Knäckebrot. Wir machen uns zeitig auf den Weg. Der trockene Felsenboden und die vom Sturmwind bizarr geformten Kiefern lassen an chinesische Gärten glauben. Begeistert schauen wir am reißenden Felsen in die Tiefe. Und an einer Bergnase verfehlen wir den Weg, machen einen kleinen Umweg. Und weil ich Grog unbedingt den Adlerbogen zeigen wollte, bleibt Hülsi mit dem Gepäck alleine.
Schnellen Schrittes schnüren wir nochmals nach oben, dem Adlerbogen zu. Zwischen den beiden Nadeln des Moltkefelsen, spannt sich diese Eisenkontruktion seit dem Jahr 1880. Der ehemalige Pfälzer Verschönerungsverein schuf den Bogen zum ehrenden Gedenken des Generlfeldmarshall von Moltke. Ihm oblag im Krieg 1870/71 die Sicherung der Rheingrenzen. Die dazugehörenden gusseisernen Standbilder von Bismark und Moltke verschwanden in den Nachkriegswirren. Alliierte Soldaten schossen 1945 dem Adler den Kopf hinweg. Und in einer spektakulären Aktion wurde 1981 der restaurierte Vogel per Hubschrauber wieder inthronisiert. Im Waldhaus auf dem Donnersberg lassen wir unsere Fahrt bei einem frischen Weizenbier und Pfälzer Spezialitäten ausklingen.
 
 
 
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